Zwei Personen ordnen gelbe Haftnotizen mit Aufgaben und Terminen auf einem Holztisch — symbolisch für parallele Veränderungsprozesse und fehlende Priorisierung in Organisationen.

Veränderungsmüdigkeit ist in deutschen Organisationen längst kein Randphänomen mehr. Laut der Communications Heatmap 2025 von FTI Consulting und Quadriga Hochschule Berlin berichten 85 Prozent der befragten Kommunikationsverantwortlichen von akuter Veränderungsmüdigkeit in ihren Unternehmen, 77 Prozent beobachten gleichzeitig einen spürbaren Vertrauensverlust. Was diese Zahlen beschreiben, ist ein strukturelles Signal, das eine Frage aufwirft, die in vielen Führungsrunden unbeantwortet bleibt: Welche Bedingungen müssen erfüllt sein, damit Transformation tatsächlich nachhaltig wirkt?

Was früher ein Projekt war, ist heute Dauerzustand

Transformation war lange ein Vorhaben mit Anfang und Ende. Es gab ein klares Ziel, einen definierten Zeitraum, ein Team, das sich dieser Aufgabe widmete. Danach kehrte Normalität ein. Diese Logik gilt in den meisten Organisationen heute nicht mehr.

Aktuell folgen Initiativen auf Initiativen. Digitalisierung, Reorganisation, neue Strategie, Kulturwandel, erneute Reorganisation und noch mehr. Eine Studie der TU Dresden (Franke-Jordan, Berger & Heilfort, 2025) mit 2.808 Befragten zeigt: Ein Drittel der Arbeitnehmenden in Deutschland leidet unter Change Fatigue, mit deutlich höherer Betroffenheit in Großunternehmen. Fehlende Erholungsphasen nach abgeschlossenen Veränderungsprojekten und eine hohe Frequenz an Change-Prozessen gelten dabei als zentrale Ursachen.

Was dabei systematisch verloren geht, ist die Zeit zwischen den Transformationen. Es fehlt an Zeit, damit neue Strukturen sich einspielen, Schnittstellen zwischen Abteilungen sich neu justieren, Prozesse erprobt, korrigiert und schließlich zur Routine werden. Und es fehlt die Zeit, in der Führungskräfte in ihre veränderte Rolle hineinwachsen und die Kompetenzen aufbauen, die diese Rolle tatsächlich erfordert. Diese Phase existiert in vielen Organisationen nicht mehr. Die nächste Veränderung beginnt, bevor die letzte angekommen ist.

Das Ergebnis ist eine Organisation, die permanent im Übergangsmodus operiert, ohne anzukommen.

Reorganisationen erzeugen Sichtbarkeit nach oben

Die Reaktion auf dieses Phänomen folgt einem vorhersehbaren Muster: mehr Kommunikation, bessere Einbindung, realistischere Zeitpläne. Das sind richtige Maßnahmen, die allerdings nur an der Oberfläche bleiben, denn sie adressieren das Wie der Veränderung, aber nicht die Frage nach dem Tempo selbst.

Die Studie Repetitive reorganizations, uncertainty and change fatigue (de Vries & de Vries, erschienen im Journal Public Money & Management) benennt es präzise: Es ist der stete Reorganisationszyklus selbst, der erschöpft, kombiniert mit fehlenden Erholungsphasen und mangelnden Anpassungsressourcen. Jede neue geplante Reorganisation erhöht die Veränderungsmüdigkeit unter den Beschäftigten, unabhängig davon, ob die vorherige als Erfolg wahrgenommen wurde.

Gleichzeitig halten viele Organisationen das Tempo aufrecht, obwohl die Kosten bekannt sind. Die Erklärung liegt in einer Systemlogik, die selten sichtbar gemacht wird. Reorganisationen erzeugen Sichtbarkeit nach oben. Sie signalisieren Handlungsfähigkeit in unsicheren Zeiten und dokumentieren, dass Verantwortung wahrgenommen wird. Was sie dabei nicht erwähnen, ist die langsame, unsichtbare Arbeit der Umsetzung und Etablierung, jene Phase, in der Veränderung tatsächlich vollzogen wird. Diese Phase erzeugt keine Aufmerksamkeit. Sie erscheint im Vergleich zur nächsten Transformation weder dringend noch strategisch relevant.

Das System belohnt damit genau das Verhalten, das nachhaltige Wirkung verhindert.

Der blinde Fleck bei Transformationen

Wenn eine Veränderung beschlossen ist, beginnt die sichtbare Arbeit. Auf Ankündigungen folgen neue Organigramme, Rollenbeschreibungen, Kick-offs und Workshops. Was folgt, ist weniger sichtbar und deutlich anspruchsvoller.

Rollen müssen gelebt werden, damit sie wirken. Das braucht Reibung, Klärung und Iteration. Zwei Abteilungen, die nun anders zusammenarbeiten sollen, entwickeln eine funktionierende Zusammenarbeit durch wiederholte Abstimmung, das Aufdecken von Lücken und das gemeinsame Lösen echter Probleme, kaum durch eine neue Zuständigkeitsmatrix.

Kompetenzen entstehen in der Anwendung und im Härtetest unter realen Bedingungen, mit Fehlern, Korrekturen und wachsender Sicherheit und eben kaum in Schulungen allein.

Und Führungskräfte, die selbst noch in ihrer neuen Rolle ankommen, können kein Team souverän durch Veränderung begleiten. Sie sind selbst Betroffene, mit neuen Erwartungen, unklaren Entscheidungsspielräumen und einem Umfeld, das Orientierung erwartet, während sie selbst noch suchen.

Genau hier liegt ein blinder Fleck in vielen Transformationsvorhaben: Die Implementierungsphase wird als Umsetzungsaufgabe behandelt, obwohl sie ein eigenständiger Führungsprozess ist. In ihr entscheidet sich, ob eine Veränderung wirkt, oder ob sie auf dem Papier steht, während die Organisation faktisch nach den alten Mustern arbeitet.

Führen im Unklaren braucht eine andere Haltung

Es gibt Situationen, in denen Tempo unvermeidbar ist, wenn Märkte sich verändern, Wettbewerber vor einem selbst handeln oder regulatorische Anforderungen steigen. Dass Organisationen reagieren müssen, steht außer Frage.

Zur Diskussion steht jedoch, wer über das Tempo entscheidet und ob das bewusst oder aus einer Systemlogik heraus geschieht, die niemand explizit gewählt hat?

Innehalten zwischen zwei Veränderungen ist eine aktive Führungsentscheidung. Es ist die Phase, in der Wirkung entsteht oder ausbleibt. Wer sie bewusst gestaltet, investiert in die Grundlage aller weiteren Veränderungen, das heißt in ein System, das Neues tatsächlich aufnehmen kann, weil es das Vorherige verarbeitet hat.

Genau hier ist der Ansatz der Adaptive Leadership von Ronald Heifetz und Marty Linsky hilfreich. Sie unterscheiden zwischen technischen Herausforderungen, die sich mit vorhandenem Wissen lösen lassen, und adaptiven Herausforderungen, die Lernen, Umlernen und Perspektivwechsel erfordern. Dauerhafte Transformation ist fast immer eine adaptive Herausforderung. Sie verlangt, die Realität klar zu benennen, Verantwortung dorthin zu geben, wo Nähe zur Situation besteht, und kollektive Intelligenz bewusst zu nutzen. Wer in diesem Sinne führt, gibt keine Schein-Klarheit, sondern schafft Orientierung im Unklaren.

Aus systemischer Perspektive lassen sich dazu drei Fragen stellen:

  1. Wie viele Veränderungen laufen parallel? Welche davon haben bereits ihre Umsetzungsphase erreicht?
  2. Wo stehen Führungskräfte selbst in ihrer Rollenfindung und welche Unterstützung erhalten sie dabei?
  3. Welche impliziten Erwartungen sorgen dafür, dass Beschleunigung belohnt wird und Umsetzung zu wenig Aufmerksamkeit bekommt?

Sie berühren Machtfragen und Prioritäten, die erheblichen Einfluss darauf haben, ob Transformation scheitert oder gelingt.

Was Organisationen tun können

Wenn Organisationen in die Falle immer wiederkehrender Transformationen geraten, sind es oft die Muster, die die Geschwindigkeit steuern und sie sind meist älter als die aktuelle Veränderungsinitiative.

Große Beratungsgesellschaften wie McKinsey oder Kienbaum sprechen heute von Veränderungsfähigkeit als dauerhafter Organisationskompetenz, also als strategischer Fähigkeit, die aufgebaut und gepflegt wird. John Kotter hat sein eigenes Modell 2021 konsequent in diese Richtung weiterentwickelt und versteht Veränderung als Dauerzustand. Unternehmen brauchen demnach andere Strukturen, Kommunikationswege und Entscheidungsroutinen und Führungskräfte, die sich darin souverän und kompetent bewegen.

Strukturen und Räume für kontinuierliche Anpassung lassen sich gestalten. Das jedoch bekommt in vielen Transformationsvorhaben zu wenig Aufmerksamkeit. Was sich schwerer gestalten lässt, aber mindestens genauso entscheidend ist sind die Muster, Routinen und unausgesprochenen Erwartungen, die das Verhalten im System erzeugen. Welche Signale werden belohnt? Welche Fragen darf man stellen? Was gilt als Stärke, was als Schwäche? Diese Ebenen werden im direkten Gespräch, in der Reflexion oder im ehrlichen Blick auf das, was das System wirklich antreibt, sichtbar.

Wer das in seiner Organisation verstehen möchte, braucht jemanden, der genau hinschaut. (Zum Analyse-Angebot)

Vertiefung: Reorganisation ohne Rollenklärung; Führen im Nebel; Wir haben doch entschieden – Wenn Entscheidungen im Treibsand versinken